Jürgen Jakob Becker ist Programm-Manager im Literarischen Colloquiums Berlin und Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds. Der Übersetzerfonds vergibt jedes Jahr Stipendien an Übersetzerinnen und Übersetzer mit Zielsprache Deutsch. Außerdem werden Seminare und literarische Workshops angeboten, damit sich die Szene stärker miteinander vernetzt. Mit Jürgen Jakob Becker sprach Benjamin O’Daniel. Und hier geht es zu unserer Stipendien-Datenbank für Freiberufler.

Lange Tradition: Zu jedem guten Buch gehört ein guter Übersetzer. © adistock - Fotolia.com

Lange Tradition: Zu jedem guten Buch gehört ein guter Übersetzer. © adistock – Fotolia.com

Herr Becker, wie steht es um die Übersetzerförderung in Deutschland?

Jürgen Jakob Becker: Wir haben in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Seit der Gründung des Übersetzerfonds 1997 gab es einen stetigen Mittelzuwachs. Wir sind mit rund 50.000 Mark gestartet, heute stehen ca. 300.000 Euro pro Jahr für Stipendien zur Verfügung. Damit können wir zwischen 80 und 90 Stipendiaten vergeben, im Durchschnitt mit 3.000 bis 4.000 Euro.

Wie erklären Sie sich den gestiegenen Mittelzuwachs?

Becker: Übersetzer stehen heutzutage stärker im Fokus als noch vor zehn oder 20 Jahren. Sie sind sichtbarer geworden. Es gibt einen hohen Bedarf an Übersetzungen: Die Deutschen lesen wahnsinnig gerne übersetzte Literatur. Es gibt pro Jahr etwa 4.000 literarische Übersetzungen, zwei Drittel davon kommen aus dem englischsprachigen Raum. Die Übersetzung fremdsprachiger Literatur ist ein wichtiger Beitrag zum Kulturaustausch zwischen Deutschland und anderen Ländern. Das hat die Kulturpolitik verstanden.

Gleichzeitig haben literarische Übersetzer die Förderung auch bitter nötig…

Becker: Übersetzer werden extrem schlecht bezahlt. Und anspruchsvolle literarische Übersetzungen sind deutlich zeitaufwendiger als Übersetzungen pragmatischer Texte. Die Honorare stagnieren seit Jahren bei etwa 20 Euro pro Normseite. In der Belletristik schafft man vielleicht 100 Seiten pro Monat, manchmal auch erheblich weniger. Da kann sich jeder ausrechnen, dass nur ein bescheidenes Leben möglich ist. Wenn man für ein sehr umfangreiches Projekt ein Jahr braucht, reichen 20.000 Euro einfach nicht aus zum Leben. Hier setzt unser Stipendienprogramm an: Wir möchten den Übersetzern ermöglichen, dass sie länger an ihren Texten arbeiten können. So steigt die Qualität der übersetzten Texte. Gleichzeitig bieten wir Workshops und Seminare an, die gut besucht sind. Der Weiterbildungsbedarf ist enorm.

Woher kommt der Drang nach Weiterbildung?

Becker: Der Beruf des Übersetzers ist ein Solistenberuf. Jeder sitzt allein an seinem Schreibtisch und arbeitet mit Sprache. Es gibt keine festgesetzte Norm, was eine gute Übersetzung ausmacht und was nicht. Dadurch entsteht ein Bedürfnis nach Austausch: Wie stark kann ich in den Text eingreifen? Was darf ich und was darf ich nicht? Hinzu kommt: es gibt keinen normierten Berufseinstieg, viele kommen über Umwege zum Literaturübersetzen.

Wie viele Bewerber haben Sie – und wie viele müssen Sie abweisen?

Becker: Wir haben eine Förderquote von etwa 40 Prozent. Vier von zehn Bewerbern bekommen ein Stipendium – das ist eine ziemlich hohe Quote. Allerdings haben wir die Hürde für die Bewerbung sehr hoch gelegt. Man braucht einen Verlagsvertrag. Wir fördern also keine Übersetzer, die spontan auf den Gedanken kommen, irgendein Buch zu übersetzen. Dies wäre auch aus urheberrechtlichen Gründen schwierig.

Kann man auch als Berufseinsteiger ein Stipendium erhalten?

Becker: Für Übersetzer mit einer geringen Publikationserfahrung haben wir mit der Robert-Bosch-Stiftung das Hieronymus-Programm entwickelt. Es wendet sich explizit an junge Übersetzerinnen und Übersetzer. Im Europäischen Übersetzerkolloquium Straelen können sie an ihrem Projekt arbeiten und werden von Mentoren unterstützt.

Wie entscheiden Sie denn, wen Sie fördern und wen nicht?

Becker: Die Entscheidungen obliegen einer unabhängigen Jury und sind oft wahnsinnig schwierig. Man muss immer verschiedene Projekte gegeneinander abwägen. Natürlich stellen wir uns die Frage, was literarisch besonders wertvoll ist. Wir berücksichtigen aber auch die verschiedenen Gattungen und variieren in der Höhe der Förderung. Manche Übersetzer brauchen ein Reisestipendium, um sich vor Ort ein Bild von der Kultur und der Sprache zu machen. Andere benötigen eine größere finanzielle Unterstützung, weil sich ihr Projekt über einen längeren Zeitraum hinzieht. Wir versuchen, auf die jeweiligen Bedürfnisse zu reagieren.

Und wie finanziert sich der Übersetzerfonds?

Becker: Wir werden gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, durch die Kulturstiftung der Länder und durch das Auswärtige Amt. Hinzu kommen private Förderer wie z.B. die Robert-Bosch-Stiftung.

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