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Kürzlich habe ich eine Buchbesprechung in der ZEIT gelesen. Das Thema: “Die Macht der Gewohnheit” von Charles Duhigg. In der Buchbesprechung kommt alles zusammen, was in ein kulturpessimistisches Blatt gehört. Es ist ein schöner Start für unsere neue Reihe “Die Mythen der Freiberufler”.

Duhigg ist ein renomierter Reporter der New York Times. Er schreibt über Business-Themen und hat in seiner Karriere bereits zahlreiche Preise abgesahnt. In seinem neuesten populärwissenschaftlichen Buch knöpft er sich schlechte Gewohnheiten vor (wie rauchen, trinken, zu viel essen) und beschreibt Strategien, wie man die Gewohnheiten loswird.

Das passt der ZEIT nicht. Sie schreibt:

Man braucht beim Lesen eine Weile, um die unterschwellige smarte, ideologische Tendenz zu begreifen, die diese Revolutionslehre der Gewohnheit antreibt.

Was meint sie damit? Es geht ihr um die “Ideologie der andauernden effizienzorientierten Selbstoptimierung”. Das Buch sei ein Manifest

permanenter Selbstdisziplin und Selbstmaximierung, das er in sein Buch eingewoben hat. Es steht im Schatten einer Mentalitätspolitik, die man als neoliberal bezeichnen darf. Sie verlangt vom Einzelnen nichts anderes als den Bruch mit all jenen Gewohnheiten, die seiner Tüchtigkeit und seiner Brauchbarkeit im Wege stehen. Genau genommen unternimmt Charles Duhigg eine Kritik der Gewohnheit nach Maßstäben, die der Hygienefantasie entstammen.

Es ist die klassische Kritik an der Selbstoptimierung. Eine Kritik, die auch viele Freiberufler teilen. Schließlich hat man sich doch selbstständig gemacht, um sich gerade nicht zu optimieren! Um gerade seine Kreativität und Freiheit auszuleben – abseits ökonomischer Zwänge! Besonders Freiberufler aus der Kreativbranche haben etwas gegen Selbstoptimierung. Zumindest ist es das, was ich immer wieder in Gesprächen höre. Es ist für sie eine Qual, gegen die man sich schützen muss.

Dabei haben auch Freiberufler viele schlechte Gewohnheiten. Zum Beispiel den Tag verbummeln, weil man ihn nicht richtig geplant hat. Oder ständig E-Mails checken, weil man einfach müde ist und keine Energie hat. Oder aus purer Gewohnheit zwölf Stunden am Tag arbeiten, weil man seine Leistung über Arbeitszeit definiert und nicht über Ergebnisse.

Schade! Denn mit dieser Haltung gibt man eine Menge Freiheit ab.

Denn letztlich ist das, was als “Selbstoptimierung” solch einen negativen Touch hat, nichts anderes als die Frage: “Wie willst Du leben und arbeiten?” Es geht darum, dass man sein Handeln hinterfragt und sich bewusst macht, dass man sehr viele Dinge in seinem Leben ändern kann. Indem man seine Einstellung verändert. Indem man sich entscheidet. Indem man handelt – und nicht bloß grübelt. Man hat sein (Arbeits)Leben selbst in der Hand – und ist nicht bloß Opfer allgemeiner Umstände (Kindheit, gesellschaftliche Probleme etc.). Vielleicht ist das eine Ideologie. Aber vor allem ist es eine Lebenseinstellung. Für die ZEIT sind die allgemeinen Umstände das zentrale Argument an der Kritik der Selbstoptimierung. Ein Zitat:

Allein der Blick auf das unbestreitbare Gegenwartsproblem kindlicher Fettsucht widerlegt (Charles Duhiggs) Argumentation. Die Wurzel des Problems liegt ja nicht darin, dass übergewichtige Kinder sich den Konsum von Fast Food und Süßgetränken nur mit größter Mühe abgewöhnen lassen. Die Wurzel des Problems liegt darin, dass die Propaganda für diese Drecksernährung es geschafft hat, die hergebrachte Gewohnheitskultur privater Essenszubereitung und familiärer Mahlzeiten zu zerstören.

Das mag sicher stimmen. Aber was bringt das einem dicken Jugendlichen? Bekommt er seine Fettsucht in den Griff, in dem er Gesellschaftskritik übt? Warum sollte man sich nicht stattdessen um Dinge kümmern, die er direkt beeinflussen und damit ändern kann?

Dazu kommt: Effizienz und Optimierung sind nicht grundsätzlich negativ. Was den Kritikern in der Regel aufstößt ist das, was mit dem Ergebnis der Optimierung getan wird. Wenn “Arbeitsprozesse optimieren” wird, heißt das für Festangestellte in der Konsequenz: Stellenabbau. Und damit mehr Arbeit für die Übriggebliebenen.

Als Freiberufler hat man es es selbst in der Hand, wie man mit dem Ergebnis von Optimierungen umgeht. Wer seine Arbeitsprozesse besser organisiert, zum Beispiel in Sachen Steuern oder Kundenakquise, der gewinnt erst einmal Zeit. Man kann frei entscheiden, was man mit dieser gewonnen Zeit macht.

 

Das heißt konkret: Wer zum Beispiel fünf Stunden im Monat spart, der kann in dieser Zeit ein Buch lesen. Oder ins Kino gehen. Oder sich auf einer Wiese sonnen. Man muss nicht noch mehr Arbeit hinterherschütten. Ich kenne Unternehmer, die arbeiten nur vormittags. Warum? Weil sie gemerkt haben, dass sie nachmittags viel weniger schaffen als vormittags. Es lohnt sich für sie einfach nicht, bis sechs Uhr abends im Büro zu sitzen! Auch das ist Optimierung.

Selbstoptimierung ist keine Qual. Sondern eine gute Sache, mit der sich jeder Freiberufler beschäftigen sollte. Zeitmanagement, die 80/20-Regel, Ziele setzen, Wochenpläne – all das sind Instrumente, die zu mehr Handlungsfreiheit und damit zu mehr Glück führen.

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